Ausstellungseröffnung "Kunst & Freiheit" am 04.Sep.2011

Kunstverein Schwarmstedt

Dr. Ekaterina Tangian
 

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine Ehre, die Ausstellung „Kunst und Freiheit“ des Kunstvereins Schwarmstedt in diesem außergewöhnlichen Rahmen zu eröffnen.

Sie alle kennen das historische Anwesen in der Bahnhofstr. 4, im Volksmund unter dem Namen Rodewaldhaus bekannt, das seit langem leer steht und nur selten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Diese Ausstellung ist ein solcher Anlass: Nun kehrt Leben in das verlassene Gebäude zurück, Schritte und Menschenstimmen unterbrechen seinen langjährigen Dornröschen-Schlaf. Schwarmstedt als Schwärmstadt – beinah fühlt man sich auf den Spuren der Gebrüder Grimm.

Die Ausstellung füllt den ehemaligen Resthof mit Leben; doch nicht nur der Ort, auch die teilnehmenden Künstler profitieren von dieser Veranstaltung, schließlich wird die einzigartige Atmosphäre, der Genius Loci des Rodewaldhauses entscheidend zum Gelingen der Ausstellung beitragen. Der verwunschene Hof mit seinen leeren Stallungen und wuchernder Vegetation gibt den ausgestellten Werken etwas von seiner Magie ab, lässt sie geheimnisvoll und mehrdeutig erscheinen. Eine reine Win-Win-Situation für alle Beteiligten also, wie es im Neudeutschen so schön heißt.

Um Ihnen den Rundgang durch die Ausstellung zu erleichtern, möchte ich Ihnen die acht teilnehmenden Künstler kurz vorstellen. Die meisten von ihnen zeigen zwar mehrere Arbeiten, doch werde ich nur eine Arbeit pro Künstler erläutern können, um diese Ausstellungslaudatio einigermaßen kurz zu halten. Umso mehr Zeit können Sie dann im Dialog mit den Kunstwerken verbringen.

Hildegard Strutz

Als erste sei Hildegard Strutz genannt, ohne deren Engagement diese Ausstellung nicht möglich gewesen wäre. Strutz, seit langem als bildende Künstlerin, Kunstpädagogin, Architektin und Querdenkerin in der Region aktiv, hatte vor einiger Zeit einen offenen Künstlertreff ins Leben gerufen. Dank ihrer Initiative kamen die heute anwesenden Künstler in Strutz’ Atelier zusammen, um über ihre aktuellen künstlerischen Projekte zu diskutieren. So entstand auch die Idee dieser Ausstellung: „Kunst und Freiheit“, ein Thema, das sich sehr unterschiedlich und vor allem sehr individuell interpretieren lässt. Strutz beispielsweise versteht unter dem Begriff „Freiheit“ vor allem den Mut, die Welt zu verändern, selbst aktiv zu werden und eigene Projekte zu realisieren. Dabei bezieht sie sich explizit auf den Veranstaltungsort, das Rodewaldhaus: Aus alt mach neu, aus tot mach lebendig. Ihre leuchtenden Stoffbanner, in sieben Fassadenfenstern  zu sehen, hauchen den alten Gemäuern neues Leben ein. Ihre Farbenpracht wird auch in Strutz’ Gemälden aufgegriffen, die collagenartig die Farben der Fensterbespannungen sowie Zeitungsartikel und Fotos aufgreifen.

Tanja Weiß

Hinzu kommen Texte von Tanja Weiß, die lyrisch den Begriff Freiheit umkreisen. Hildegard Strutz collagiert sie in ihre Bilder hinein und geht somit eine künstlerische Partnerschaft mit der Dichterin Weiß ein. An zwei Terminen wird Weiß vor Ort ihre Gedichte rezitieren. Dabei wird es auch Gelegenheit geben, mit der Autorin über ihre Texte und ihren Freiheitsbegriff zu sprechen. Um Ihnen an dieser Stelle einen kleinen Vorgeschmack darauf zu geben, möchte ich eins ihrer Gedichte vortragen. Es heißt „Freiheit ist relativ“:
 
Wie frei muss der Mensch sein,
damit er ohne Zwänge leben kann?
Die Meere haben Grenzen,
auch wenn sie grenzenlos sind.
Die Freiheit der Meere ist eine Illusion.
Die Gedanken sind in Systeme eingebettet,
auch wenn sie in unendliche Sphären wandern können.
Die Gedanken sind nie wirklich frei.
Der Kunst sind Zäune gesetzt,
wenn ihr Schöpfer von ihr leben will.
Die Kunst sollte frei sein, doch ist es oft nicht.
Freiheit ist relativ.
Freiheit folgt immer anderen Maßstäben.
Freiheit lebt innerhalb bestimmter Gesetze.
Darin kann sie minimal sein,
oder auch maximal,
aber nie absolut.
 

Kathrin Greube

Die Relativität der Freiheit wird in der Black Box-Arbeit der Künstlerin Kathrin Greube visualisiert: Während traditionelle Ausstellungsräume für gewöhnlich nach dem Prinzip des White Cubes angelegt sind, also weiß, weitläufig und offen wirken, erschafft Greube eine Art begehbare Camera Obscura. Auf der Flucht vor Reizüberflutung findet der Ausstellungsbesucher in Greubes Black Box zur Ruhe, vor allem aber auch zur Kunst: Eine grüne, leicht abstrahierte Landschaft, im Inneren der Box aufgehangen, wird von dramaturgisch eingesetzten Spots hell beleuchtet. Sie evoziert paradiesische Ursprünglichkeit und weckt Sehnsucht nach der Ferne. Der knapp bemessene Innenraum verbindet somit Enge mit Weitläufigkeit, Nahsicht mit Fernsicht – ein scheinbarer Widerspruch? Und noch ein weiterer Widerspruch wird in dieser Installation außer Kraft gesetzt: Sie, meine Damen und Herren, per definitionem kunst- und freiheitsliebend, werden in eine schwarze Kiste gesperrt, ihrer Freiheit beraubt und zu allem Überdruss zur Kunstbetrachtung gezwungen. Ja ist das denn die Möglichkeit?! Ist es in einem demokratischen Staat überhaupt zulässig? Freilich, schmunzelt die Künstlerin, schließlich sind sowohl das Betreten der Black Box als auch der Aufenthalt darin völlig freiwillig. Doch manchmal bedürfen wir eines kleinen Schubsers, um uns Zeit für eine Auszeit zu nehmen. So legt Greube subtil die Relativität der Freiheit nahe, welche, um Tanja Weiß nochmals zu zitieren, stets „innerhalb bestimmter Gesetze“ statt findet.

Moshe Harel

Die Weitläufigkeit der Landschaft als Sinnbild der Freiheit, wie ihn Greube mit ihrem Black Box-Gemälde suggeriert, findet sich auch im Triptychon des marokkanisch-israelischen Künstlers Moshe Harel wieder. Eins seiner drei Gemälde stellt eine abstrahierte Landschaft dar, die zweigeteilt ist in einen grünen, expressiv gemalten Streifen und einen fotorealistisch wirkenden Himmelbereich, der drei Viertel des Bildes einnimmt. Surrealistische Vorbilder wie Magritte oder Salvador Dalì scheinen Harel inspiriert zu haben. Dabei wird hier das Sur-Reale, also das über dem Realen Stehende, wörtlich verstanden. Ein Schriftzug zieht sich über den strahlend blauen Hintergrund: „Freiheit“, lautet Harels explizite Botschaft. Frei-händig ist das Wort in den Himmel hineingeritzt, schwungvoll und poetisch. Die beiden „I“s des Wortes „Freiheit“ werden dabei von menschlichen Silhouetten gebildet. Völlig losgelöst von der Erde, scheinen diese Figuren in der Luft zu schweben. Sowohl sie als auch das Wort „Freiheit“ stehen somit wortwörtlich ÜBER der Realität, sind surreal. Dabei benutzt Harel das Motiv des Fliegen als pars pro toto, als Verweis auf etwas wesentlich Größeres und Komplexeres. Denn für Harel symbolisiert Fliegen die Freiheit. Vogelfrei müsste man sein, so Harel, denn Vögel können überall hin fliegen, während wir Menschen in unserer Bewegungsfreiheit von irdischen Zwängen eingeengt sind. Und dabei braucht der Mensch seine Freiheit, wie die Luft zum Atmen – oder vielleicht doch zum Fliegen?

Torsten Kollande

Fliegen ist auch bei der Installation von Künstler und Schauspieler Torsten Kollande das zentrale Thema. Sein Objekten-Arrangement ist ungewöhnlich: Ein aufgeklappter Koffer gibt seine Beute frei, die schwarmartig gen Himmel entflattert. Doch liegt der Ausstellungsbesucher falsch, wenn er sich an dieser Stelle Vögel, Schmetterlinge oder andere beflügelte Wesen imaginiert. Denn auch bei Kollandes Installation werden die Erwartungen des Betrachters gekonnt konterkariert: Statt Vögel steigen nämlich aus dem Koffer kleine Vogelkäfige empor, ein weiteres Paradoxon der Ausstellung. Diese Käfige sind nebenbei gemerkt eine antike Rarität: Es handelt sich um Oikriginalkäfige aus dem 19. Jahrhundert, die einst zum Transport von Kanarienvögeln verwendet wurden. Eine nostalgische Patina haftet ihnen an. Ihre fragilen Holzstäbe, in Handarbeit gefertigt, erinnern im theatralischen Licht der Inszenierung an bizarre Skelette einer längst ausgestorbenen Spezies.

Die Ambivalenz der Wirkung ist hierbei offensichtlich: Käfige, die Vögel normalerweise gefangen halten, werden nun selbst zu Gefangenen, Täter werden zu Opfern. Die Interpretation der Arbeit lässt Kollande bewusst offen. Deswegen vermeidet er auch jede eindeutige Metaphorik wie Feder, Eierschalen oder Textfragmente, mit denen er die Käfige hätte individualisieren können. Statt dessen soll der Betrachter seine eigene Geschichte dazu erfinden, vielleicht auch seine persönlichen Erlebnisse und Erinnerungen in die Interpretation einfließen lassen. Somit geht Kollande in seinen Anforderungen an den Ausstellungsbesucher noch weiter als Greube mit ihrer Black Box: Während Greube lediglich Kontemplation fordert, erwartet Kollande Reflektion. Wir hoffen nun mit ihm, dass wir dieser unserer Aufgabe gerecht werden.

Renate Ellerreit-Laube

Die Sehnsucht nach dem Himmel, die Harel und Kollande zum Motiv ihrer Arbeit wählen, ist seit dem griechischen Ikarus-Mythos ein kunstgeschichtlicher Topos. Fliegen gilt seit jeher als Metapher für Freiheit und Selbstbestimmung, setzt sich doch der Menschensohn Ikarus über die Autorität der Götter (und nebenbei über die Gesetze der Schwerkraft) hinweg. Gleichzeit wissen wir spätestens seit Ikarus’ Sturz, dass Fliegen Risiken und Nebenwirkungen mit sich bringt, und dass Hochmut für gewöhnlich vor dem Fall kommt.

In Anbetracht dieser widrigen Umstände entscheidet sich Künstlerin und Theaterfiguren-Bauerin Renate Ellerreit-Laube für einen gesunden Mittelweg: Ihre Tonplastik stellt eine weibliche Figur da, die auf der obersten Sprosse einer Leiter platziert ist. Ihre Arme sind zum Fliegen ausgebreitet, die Augen verschlossen. Sie scheint mit dem Himmel eins zu sein. Und doch verliert sie nicht völlig die Bodenhaftung: Ihre letzte Absicherung, die Leiter, bleibt als Bindeglied zwischen Himmel und Erde bestehen. Gekonnt bedient sich dabei die Künstlerin der perspektivischen Verkürzung und lässt die Leiter sich nach oben verjungen. Wie Wolkenkratzer, die nach oben immer schmaler wirken, erscheint auch die kleinformatige Plastik von Ellerreit-Laube als Modell für ein deutlich größeres Monument. Die Technik des Rauchbrandes verleiht ihr dabei einen rauen Charme: Dank dieses zufallsgenerierten Brennvorganges wirkt die Tonoberfläche marmoriert, ungleichmäßig und dadurch lebendig. Ebenfalls lebendig ist die Körperhaltung und der Gesichtsausdruck der Träumenden. Ihre Proportionen sind leicht überzeichnet, der Kopf ist zu groß, die Finger zu wulstig, die Taille zu schmal... Beinah kindlich erscheint diese Art der Gestaltung und erinnert dabei an die bewegende Expressivität einer Käthe Kollwitz oder Paula Modersohn-Becker

Dörte Frech

Eine nicht weniger bewegende Arbeit zeigt Künstlerin und Kunsterzieherin Dörthe Frech. Ihre Position ist im Kontext der Ausstellung einzigartig, denn neben einigen graphischen, also eher traditionell gehaltenen Werken präsentiert sie auch eine rein akustische Installation. Dabei nimmt Frech Bezug auf den Ausstellungsort, nämlich die leerstehenden Stallungen des Rodewaldhauses, in denen ihre Arbeit untergebracht wird. Ausgerechnet in diesen friedlich schlummernden Räumen wird der nichts ahnende Ausstellungsbesucher mit seinem schlimmsten Alptraum konfrontiert. Kaum betritt er die Stallungen, schon wird er von einer höchst brutalen Geräuschkulisse übermannt: Penetrantes Quicken von Schweinen, Hufscharren, Türknallen – diese unmissverständlichen Schlachtergeräusche gehen direkt unter die Haut. Durchs öffentliche Fernsehen nachhaltig konditioniert, erinnern wir uns sogleich an Dokumentationen über die barbarische Haltung von Nutztieren. Schweinequieken wird also automatisch mit Gefangenschaft und Tod assoziiert. Dabei ist Frechs Arbeit, wie alle Kunstwerke im Allgemeinen, vor allem eins: eine Illusion. So ist die Tonaufnahme unter wesentlich harmloseren Bedingungen entstanden, als man es anfangs vermutet: Es wurde lediglich das Quieken von Ferkeln aufgezeichnet, die von ihrer Mutter weggenommen wurden.

Außerdem ist das Schwein, betont Frech in einem Interview, nicht nur ein potenzielles Opfer, sondern auch ein beliebtes Märchentier und Glückssymbol. Ein ambivalentes Motiv also, und genauso ambivalent ist auch Frechs Arbeit. Vielleicht klagt sie die unglaubliche Brutalität der modernen Tierhaltung an. Vielleicht veranschaulicht sie aber auch völlig wertfrei die Kreatürlichkeit des Menschen, der wie jedes Lebewesen lebt und strebt und leidet und stirbt, und dessen Freiheit – wir wissen es bereits – stets „innerhalb bestimmter Gesetze“ statt findet.

Jürgen Eidt

Außerhalb bestimmter Gesetze spielt dagegen Jürgen Eidt, Photokünstler, Musiker und von Hause aus ein Freiheitskämpfer. Die Wohlfühlgesellschaft mit ihrer Behaglichkeit und Bequemlichkeit ist ihm schon lange ein Dorn im Auge. „Freiheit wird nicht geschenkt, Freiheit will erkämpft werden,“ lautet seine Devise. Und so wählt er für seinen großen Banner, der in der Ausstellung zu sehen ist, ein programmatisches Zitat von Luise Rinser aus dem unmittelbaren Nachkriegsjahr 1946: „Überall auf dieser Welt gibt es Menschen, deren Blick weiter geht, als bis zu der dunklen Wand der Konflikte; Menschen, die an die Vernunft glauben, an Frieden und Menschlichkeit. Wir sind die Minderheit. Immer werden wir gegen die Masse stehen, gleich welcher Nation wir angehören. Immer werden Dummheit, Bösartigkeit, Trägheit und Skepsis wider uns sein. Aber nichts wird uns davon überzeugen, dass wir auf die falsche Karte setzten, als wir den Geist wählten statt der Macht, die Liebe statt des Kampfes, Freiheit statt des Reichtums.“ Die zweiteilige Arbeit von Eidt richtet sich ganz im Sinne dieses Zitats gegen die Trägheit der Masse, gegen ihre Phantasielosigkeit und Abgestumpftheit. Spitzbübisch deponiert er neben dem Rinser-Banner eine Sprayflasche mit Leuchtfarbe und eine bereits benutzte Graffiti-Schablone. Und schon werden Assoziationen wach mit der Autonomen-Szene, mit besetzten Häusern, Friedensbewegung und Freiheits-Demonstrationen... Dabei ist das Motiv der Sprüh-Schablone keinesfalls anarchistisch: Ein sauber gezeichnetes Windrad mit seinen drei Rotorblättern, darunter das Wort „Freiheit“ – doch welche Art von Freiheit ist damit gemeint? Freiheit von Atomkraftwerken, die sich bei einer flächendeckenden Umstellung auf Windenergie erübrigen würden? Oder geht es vielmehr um den frischen Wind der Veränderung, den der Künstler im übertragenen Sinne herbeiwünscht?

Die Antwort, liebe Ausstellungsbesucher, weiß ganz allein der Wind. Und mehr soll an dieser Stelle auch nicht verraten werden, schließlich soll der Betrachter selbst aktiv werden und wenn schon nicht zum Handeln, so doch zumindest zum Nachdenken animiert werden. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen bereichenden Streifzug durch diese Ausstellung, und fühlen Sie sich frei, die verschiedenen Freiheitsfacetten frei zu interpretieren. Die Künstler werden es Ihnen danken.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.