"UNGENIERT" Ausstellung vom 13.Juni 2010 im Atelier 5

Kathrin Greube spürt farbsatt den Emotionen nach.
Gefühle in Knallbunt
 
Von Britta Lübbers
 
 
Ihre Bilder sind ein Manifest der Farben, ausdruckstark und präzise im Detail. Von der gedeckten Bleistiftzeichnung kam Kathrin Greube zur farbenfrohen Acrylmalerei, vom Papier fand sie zur Leinwand. In leuchtenden Tönen schafft sie eine knallbunte Welt - ihre eigene, starke, persönliche Welt, die zugleich Teil der realen Welt ist. Man könnte Anleihen bei den Expressionisten und der Pop-Art in ihr Werk hineininterpretieren, verbieten würde sie das kaum. "Es ist für mich ungeheuer spannend, was die Menschen denken und vor allem, was sie fühlen, wenn sie vor meinen Bildern stehen", sagt die Künstlerin, deren erste Ausstellungsorte Kneipen waren. Das war toll, denn hier konnte sie sich unerkannt unter die Gäste mischen und einfach zuhören, wenn zwischen zwei Bieren über ihre Kunst gesprochen wurde - ehrlich und ohne akademischen Attitüde. Was die Aufrichtigkeit betrifft, ist die Gaststätte jeder Vernissage überlegen. Kathrin Greubes Bilder kamen an. So gut, dass sie überrascht war von der vielen Zustimmung.

Das Leben als Inspiration

Ihr Werk ist authentisch, vielleicht haben die Kneipengänger das intuitiv gespürt. Kathrin Greube hat – und das ist sehr selten in der Kunst – keine Vorbilder, sie ist von keiner Richtung geprägt, von keiner Malschule geleitet. Ihre Handschrift ist ganz die ihre, unverwechselbar. Sie bewundere den Gegenwartskünstler Gerhard Richter, lautet die Antwort auf die Frage nach etwaigen Vorbildern. Aber Richter hat sie nicht inspiriert. Inspiration ist für sie das Leben mit seinen Licht- und Schattenseiten, sind besonders die Menschen um sie herum, aber auch jene, denen sie z.B. in Büchern begegnet. „Mein Hauptthema ist der Mensch mit dem Schwerpunkt Körper und Emotionen. Es ist ein Thema, das ich in kräftigen Farben auf die Leinwand bringe“, so die Künstlerin über ihre Arbeit. Sie habe lange und bewusst auf den Besuch von Museen verzichtet, bekennt sie. Sie wollte sich nicht beeinflussen lassen. Jetzt, wo sie sich ihrer selbst sicher ist, geht sie gerne in Ausstellungen. Mitglied eines – nicht selten auch eitlen – Kulturbetriebs möchte sie nicht sein. „Das interessiert mich nicht“, sagt sie glaubhaft.

Wer Kathrin Greubes Biografie studiert, begibt sich auf die Spur einer Suchenden, die – in den Anfängen oft unbewusst – ein Leben lang nach ihrem künstlerischen Weg gefahndet hat. Sie ist Umwege gegangen, aber auch die Nebenstrecken haben sie letztlich auf die einzig richtige Spur geführt: eine freischaffende Malerin zu sein.

Warum nicht erst den Himmel malen?

Kathrin Greube, die in einer Frauen-Wohngemeinschaft aufgewachsen ist und in deren Werk Frauen einen hohen Stellenwert einnehmen, ist Walldorfschülerin. Eigentlich wird an den Walldorfschulen Kreativität großgeschrieben, aber in der Unterstufe habe sie davon nicht so ganz viel gespürt, erzählt sie. Beim Aquarellmalen hätten die Schülerinnen und Schüler „immer so vorschriftsmäßig“ vorgehen müssen, erst den Hintergrund darstellen, dann das Motiv. Diese Regulierung, dieses von oben Verordnete, habe sie schon als Kind abgelehnt: „Da war ich bockig“, sagt sie. Warum nicht erst das Haus und dann den Himmel malen? In der Oberstufe wurde es besser. Sie habe ihrem Kunstlehrer viel zu verdanken, sagt Kathrin Greube rückblickend. Bei ihm lernte sie Zeichnen, bekam das Rüstzeug für die richtige Perspektive. Das hat sie geschult, und sie profitiert noch heute davon.

„Das Porträt und seine Proportionen“, hieß der Titel ihrer selbst gewählten Abschlussarbeit. Bei allem Hang zur Unabhängigkeit: Schon die 19-Jährige wollte ihr Handwerk verstehen und lernte die zeichnerischen Regeln.

Im Anschluss an die Walldorfschule machte sie ein Praktikum zur Bauzeichnerin – auch das lag ihr, ebenso wie das Umgehen mit Holz: „In der Schule war ich hier sogar besser als die Jungs!“, erinnert sie sich. Auch das Dekorieren von Schaufenstern fiel ihr leicht, wie sie während eines weiteren Praktikums in einem großen Kaufhaus feststellte. Eine Lehrstelle aber lehnte sie ab. Sie war auch nicht sehr stolz auf die Anerkennung, die sie hier erhielt. Sie habe das damals schlecht annehmen können. „Was ist schon dabei, ein paar Gardinen aufzurollen?“, dachte sie sich. Also suchte sie weiter. Sie machte noch ein Praktikum – diesmal im „Atelier 5“, wo nun diese Ausstellung zu sehen ist. Mit dem Kunsthandwerk freundete sie sich auf Anhieb an, später arbeitete sie in diesem Atelier auf Honorarbasis als Kunsthandwerkerin.

Kunst zwischen Trockenhaube und Waschbecken

Beruflich hielt sie sich mit vielen Jobs über Wasser. Ihre Vita würde sehr gut auf den Umschlag eines Bestsellers passen, denn jeder Autor, der etwas auf sich hält, hat wenigstens (bevor er groß herauskam) in einer Bar gekellnert und sich als Taxifahrer durchgeschlagen. Das kann Kathrin Greube toppen. Sie war Putzfrau in einer Spielothek, stellvertretende Geschäftsführerin einer Baguetterie, Fachverkäuferin in einem Bioladen und Küchenhilfe in einem Oldenburger Restaurant. Sie bildete sich aber auch immer fort, besuchte Kurse im Porträt- und Aktzeichnen, war außerdem als kunstpädagogische Mitarbeiterin an der „Freien Schule“ in Oldenburg beschäftigt und zudem, und das im „Hauptberuf“, alleinerziehende Mutter eines schwerbehinderten Kindes.

Ihre erste Ausstellung hieß „Frauen ver-rückt“, mit einem Trennstrich zwischen „ver“ und „rückt“. Kathrin Greube zeigt ihre Kunst gern in ungewohnter Umgebung, so stellte sie z.B. in der schrägen Oldenburger Kultkneipe „Salon Jürgens“ aus, das ist ein ehemaliger Friseurladen, wovon noch Trockenhaube und Waschbecken zeugen. Zu sehen waren ihre Bilder auch im Einrichtungsgeschäft „Antike Möbel“, ebenfalls in Oldenburg. Sie mag diese speziellen Räume, in denen Kunst eher nicht vermutet wird. Im Möbelhaus wurden ihre Bilder in antiken Rahmen präsentiert. „Das war großartig, es passte hervorragend“, sagt sie. Hätte sie das Geld, sie würde ihr ganzes Schaffen in antiker Rahmung präsentieren.

Gleich ihre erste Einzelausstellung 1999 – selbstredend in einer Kneipe – war ein Erfolg. Sieben Bilder verkaufte sie an Gäste, die auf ein Bier gekommen waren und nicht in der Absicht, ein Kunstwerk zu erstehen. „Das hat mich wie ein Schlag getroffen“, erinnert sie sich. Es war ein positiver Schlag, denn seit dieser Zeit ist Kathrin Greube freischaffende Künstlerin.

Der eigenen Bildsprache treu

Dreimal bewarb sie sich auf ein Kunststudium, dreimal wurde sie abgelehnt. Sie sei zu festgefahren, lautete das Urteil der hochschulinternen Kommission. Nach Rücksprache mit Kunststudenten sieht sie es so: „Ich hatte schon zu sehr eine eigene Handschrift.“ Im Nachhinein ist sie froh, dass es nichts wurde mit dem Studium. „Ich bin bei meiner eigenen Bildsprache geblieben“, konstatiert sie. Das Kapitel „Kunsthochschule“ ist nun abgeschlossen. Was nicht bedeutet, dass Kathrin Greube nicht doch die Kunst studiert. „Malen ist eine ständige Entwicklung, ich lerne bei jedem Bild dazu“, betont sie. Sie lässt sich jetzt von versierten Künstlern unterweisen, die Zeit der VHS-Kurse sei aber vorbei, sie brauche mehr Tiefe.

Ein ganzes Jahr lang hat sie einmal ausgesetzt mit der Kunst. „Als ich dann wieder zu malen begann, war ich besser als zuvor. Ist das nicht seltsam?“, fragt sie erstaunt. Auch der Schritt von der schwarzweißen Bleistiftzeichnung zum bunten Pinselstrich ist Resultat einer gemeisterten persönlichen Krise. „Aufwachen!“, habe ihr Motto da gelautet. Und dazu passte die neue Farbigkeit.

Endlich ein Arbeitsplatz

Lange war Oldenburg ihr Domizil und auch ihre künstlerische Heimat. Seit einiger Zeit lebt sie auf dem Land, in Gilten bei Hannover. Hier hat sie Kontakt zu einer vielseitigen Kunstszene, deren Mitglieder so unangepasst sind wie sie selbst es ist. Gemeinsam mit der Kirche haben zehn Künstlerinnen und Künstler – Kathrin Greube ist eine von ihnen – in diesem Mai die Wanderausstellung „Der achte Schöpfungstag“ auf die Reise geschickt. Es geht um die Auseinandersetzung mit der Schöpfung, um Gentechnik und Biokultur. Es ist ihr erstes politisches Projekt, wie sie sagt, und sie findet es hochspannend.

Seit Januar 2010 ist Kathrin Greube „stolze Mieterin“, wie sie sagt, des Uhle-Hof-Ateliers in Schwarmstedt. Diese Räume der Kreativität sind eine Stiftung der Samtgemeinde Schwarmstedt. Interessierte Künstler können sich bewerben und – wenn sie den Zuschlag erhalten – das Atelier anderthalb Jahre nutzen. Zahlen müssen sie nur die Nebenkosten. „Ich habe nun endlich einen Ort, den ich meinen Arbeitsplatz nennen kann“, freut sich Kathrin Greube, die das Atelier auch als Raum der Begegnung versteht. Sie lädt alle Interessierten ein, ihr beim Arbeiten über die Schulter zu sehen, sie nimmt sich Zeit für ihre Gäste, ist offen für Fragen und gibt Tipps rund um die Malerei.

Lustiger Engel mit flauschigen Flügeln

Kathrin Greubes Bilder entstehen aus unterschiedlichen Anlässen und manchmal fast aus Zufall. So wie der „Straßenengel“, eine lustige Gestalt mit zwei flauschigen Flügeln und rotem Haar. Sie habe mit ihrem Sohn und ihrem Neffen ein wenig gekritzelt und dabei einen ganz kleinen Engel aufs Papier gebannt. „Du hast dich ja selbst gemalt“, befand ihr Neffe. Das hat ihr gefallen. Und dann malte sie den Engel größer, ein bisschen verrückt und ziemlich fröhlich.

Ernst hingegen ist die Stimmung in „Sprachlos“. Zwei Menschen sitzen Rücken an Rücken mit einander halb zugewandten Gesichtern, so als wüssten sie nicht, was sie voneinander wollen. Sie habe ein Paar gemalt, das sich voneinander entfernt hat und wieder zurück möchte in die alte Vertrautheit, sagt Kathrin Greube. Andere Interpretationen sind aber durchaus möglich und auch willkommen.

„Häuser 2“ ist so ein Bild. Eine geduckte Gestalt fährt mit dem Fahrrad an irgendwie schiefen und in der typischen „Greube-Art“ quietschbunt gemalten Häusern vorbei. Hier kann man lange davor stehen und das Kopfkino anwerfen. „Ich habe eigentlich nur ein paar neue Farbstifte ausprobieren wollen“, erklärt die Künstlerin die verblüffend pragmatische Entstehung des Bildes. Ähnlich verhält es sich mit der „Paprika“, die – wüsste man es nicht besser – vom Pop-Art-Künstler Andy Warhol beeinflusst sein könnte. Auch hier muss Kathrin Greube lachen. Nein, nein, sie habe einfach nur ein schönes rotes Bild für ihre Küche gebraucht und sich halt selbst eins gemalt.

Und dann wäre da noch „Die Alte“, diese Frau mit den zahllosen Runzeln im Gesicht. Sie trägt die sichtbaren Zeichen des Alters, die in Zeiten von Botox und grassierendem Jugendwahn gerne eliminiert werden. Kathrin Greube wurde hier von einem Foto inspiriert, das sie in einem Buch sah. „Ich finde diese Frau schön. Sie hat gelebt und das sieht man“, sagt sie über das Bild.

Von der Malecke zur Black Box

Gemalt hat Kathrin Greube nach eigenen Angaben schon immer, es war ihre Art, sich auszudrücken. Im Kindergarten saß sie meist in der Malecke, ihre Schulbücher waren angefüllt mit Skizzen, selbst die Wände ihres Zimmers waren nicht sicher vor ihrer Kreativität.

Diese Kreativität zu entdecken, dazu lädt die Ausstellung Sie alle herzlich ein. Versäumen Sie auch nicht, der „Black Box“ einen Besuch abzustatten. Kathrin Greube hat sie selbst gezimmert. In ihrem Inneren erwarten Sie Malerei und Musik. Denn die Musik ist die zweite kreative Leidenschaft der Künstlerin. Alle Bilder, die Sie hier sehen, sind zu Musik entstanden. „Wenn ich bei Musik male, egal ob zu meditativen Klängen oder zu Rockrhythmen, vergesse sich alles um mich herum. Ich vergesse sogar, dass ich Mutter bin und Ehefrau“, sagt Kathrin Greube. Vielleicht erleben auch Sie beim Besuch der Ausstellung einen Hauch dieser Selbstvergessenheit, die ungeheuer entspannend sein und sehr glücklich machen kann.